"Es beginnt mit einer leeren Bühne, Dunkelheit, bedrohlicher Musik. Die Anden entstehen".

Crítica de Tierras del Sud en el Festival Adelante de Heidelberg, Alemania, publicada originalmente aquí.

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EIN ANFANG IST GEMACHT.

von Anna Landefeld

Heidelberg, 6. Februar 2020. Es ist gerade einmal zwei Jahre her, da rutschte dem argentinischen ehemaligen Staatspräsidenten Mauricio Macri tatsächlich der Satz raus, dass alle in Südamerika von Europäern abstammen. Entweder war der Präsident falsch informiert. Oder es spiegelt sich in seiner Aussage eine Geisteshaltung wider, welche die Machtverhältnisse in der westlichen Hemisphäre bis heute prägt. Macri ist ein gebildeter Mensch. Also nochmal, zur Sicherheit. Bis zum 12. Oktober 1492, dem Tag, an dem Kolumbus versehentlich jenen Kontinent betreten hat, der heute Amerika heißt, war dieses Amerika keineswegs unbesiedelt. Wie alle modernen Staaten des Kontinents gründet sich auch Argentinien auf der Ausradierung dieser Abermillionen Indigenen – und auf der Marginalisierung ihrer Nachfahren.

Comic-Figuren geben Kapitalismus-Nachhilfe

Die dämliche Aussage des argentinischen Staatspräsidenten zitieren auch die Tänzerin Laida Azkona Goñi und der Bühnen- und Videokünstler Txalo Toloza-Fernández während ihrer anderthalbstündigen Doku-Lecture-Performance zu den “Tierras del Sud”, den Ländern des Südens. Es ist eine Trilogie über die europäische Eroberung Lateinamerikas – der Atacama-Wüste in Chile, dem Amazonas in Brasilien und jetzt also Patagonien in Argentinien. Dort ist ein alter Landkonflikt wieder neu entflammt, weil das Volk der Mapuche für die Anerkennung seiner vor-kolonialen Existenz kämpft. Die Indigenen fordern die Rückgabe des Bodens, der ihren Vorfahren einst entrissen wurde. Die Liste derjenigen, die hier Land kauften und noch immer post-kolonial walten, liest sich prominent: Sylvester Stallone, Jane Fonda, Hardrock-Café-Gründer Peter Morton Isaac Tigrett oder Mode-Unternehmer Luciano Benetton.

Zwei Jahre lang recherchierten Toloza-Fernández und Goñi. In ihrer Performance legen sie ihren Arbeits- und Denkprozess offen. Dicht gedrängt ist ihr Vortrag. Information folgt auf Information: vier Millionen Jahre patagonische Geschichte in Spielfilmlänge. Es beginnt mit einer leeren Bühne, Dunkelheit, bedrohlicher Musik. Die Anden entstehen. Das kann man projiziert an der leeren Bühnenwand lesen. Schnörkellose Sätze über koloniale Gräueltaten rauschen vorbei, enden 2018 bei der Rehabilitation des von der Polizei ermordeten Mapuche-Aktivisten Rafael Nahuel. In Europa ist der Fall kaum bekannt, in Buenos Aires löste er Massendemonstrationen aus. Dazwischen schieben sich Comic-Filmchen mit kulleräugigen Figuren, die einem Nachhilfe in Sachen Kapitalismus geben und auf putzige Art und Weise erklären, wie Ausbeutung und Unterdrückung richtig gehen.

Den Mapuche eine Stimme geben

Immer wieder erscheinen Toloza-Fernández und Goñi selbst. Man spürt ihnen die Dringlichkeit an. Sie reisten durch Patagonien, führten Interviews mit den Nachkommen der Mapuche. Denn schriftliche Überlieferungen gibt es nicht. Wenn doch, dann stammen sie aus der Sicht der Kolonialherren, die die Indigenen gefangen nahmen, folterten, mordeten, als Sklaven oder für “Menschenzoos” nach Europa verschifften. Auch stießen die beiden auf Fotos, gemacht von europäischen Anthropologen, die die Mapuche als “Wilde” inszeniert mit Pelzen, Stöcken mit freien Oberkörpern beim Kindersäugen und Brotbacken zeigen.

Wer spricht hier eigentlich für wen? Das Dokumentartheater tut sich mit dieser Frage nie leicht und könnte in die post-koloniale Falle tappen. Toloza-Fernández und Goñi sind da demütiger. Wenn sie die aufgezeichneten Interviews abspielen, dann hört man nie die Stimmen der Mapuche. Jedes Mal setzen sich die beiden Kopfhörer auf und sprechen nach, benutzen also die Mapuche nicht für ihre Performance, sondern geben ihnen ihre Stimme. Auch werden die inszenierten Fotografien der Anthropologen von Goñi nur ausführlich beschrieben. Sie stellt sie nach, aber die entwürdigenden Fotografien selbst werden immer nur für ein paar Sekunden auf die Bühnenwand eingeblendet. Am Ende ist auch die Bühne nicht mehr leer. In Miniaturform haben Toloza-Fernández und Goñi dort nach und nach wieder das Mapuche-Land errichtet mit Gebirgszügen, Wüsten, Wäldern und Städten. Alles ist bereit zurückgegeben zu werden. Zumindest symbolisch. Ein Anfang ist gemacht.